Von Mag.a Monika Heilmann
Pfarrgemeinde als Lebens- und Glaubensraum für einzelne Christ/innen
1. Wer bin ich?
Wer bin ich in einer Gesellschaft, die schnelllebig ist und den ständigen Wandel des
Einzelnen fordert? Wer bin ich in einer Welt, in der ich nach bestimmten Normen
funktionieren soll? In Familie und Privatleben soll ich mich einfühlen und auf Beziehungen
orientiert sein; im Beruf soll ich mich nach Leistungsanforderungen richten und meine
Aufgaben gut erfüllen – und ich stehe möglicherweise in Konkurrenz und muss mich
behaupten; im ehrenamtlichen Engagement soll ich einen Ausgleich finden zwischen
persönlichem und gemeinschaftlichem Interesse, eine Ausgewogenheit zwischen
Freizeitbeschäftigung und „freier Zeit“.
Alles unter einen Hut zu bringen bedeutet, meine Identität zu finden: Das geht nicht allein auf mich gestellt – ich brauch dazu andere. Niemand kann aus und für sich alleine ein gutes Leben schaffen.
2. Von den Qualverwandtschaften zu Wahlverwandtschaften
Eingebunden sein in eine überschaubare Gemeinschaft von Menschen und dazugehören ist
sehr unterstützend. Andererseits können solche „Vergemeinschaftungen“ auch zu
„Qualverwandtschaften“ werden: Sie sind beherrschend und bestimmend und können die
persönliche Entwicklung von Menschen behindern. Das Eigene (die eigene Berufung?) zu
finden und damit auch das Einzigartige von Menschen zu betonen, steht in guter christlicher
Tradition: Ebenbild Gottes sind wir als einzelne Frauen und Männer, nicht als Gemeinschaft
oder Gemeinde. Die Gemeinde hat eine Funktion, die auf ein Leben in Fülle von Frauen und
Männern, Mädchen und Buben ausgerichtet ist – auf ein gutes Leben aller. Zu unserer
Identität gehören unterstützende und uns fordernde Gemeinschaften. Wir sind angewiesen auf
einen förderlichen psychosozialen Lebensraum. Dazu gehören auch Impulse und
Orientierungen aus dem christlichen Glauben. Aber ich muss, darf und kann als Person eine
Entscheidung treffen, wo ich diesen Raum für mich suche und finde.
3. Pfarrgemeinde als Lebens- und Glaubensraum für Einzelne
- Wir wehren uns zu Recht, wenn wir nur als faktisches oder mögliches Mitglied einer Gemeinschaft gesehen werden und nicht als individuelle Personen. Das gilt auch in den Pfarrgemeinden.
-
Um die Individualität von Frauen und Männern zu achten, ist Diskretion eine wichtige
„pastorale“ Tugend. Das Lebensgefühl heutiger Menschen fordert, dass eine Gemeinde nicht
in alle Lebensbereiche von Menschen eindringen will und Lebenserfahrungen nicht „für sich“
verzwecken will. Was aus den einzelnen Lebensbereichen einer Person in einer
Pfarrgemeinde wahrnehmbar werden soll, entscheiden diese selbst. Wenn es in einer
Pfarrgemeinde diese Kultur der Diskretion gibt, dann kann sie ein Raum sein, in dem
Menschen die Ausgewogenheit zwischen Intimität und Öffentlichkeit erfahren und lernen
können. Diese Balance ist gesellschaftlich aus dem Gleichgewicht – wir brauchen uns nur
diverse Fernsehshows zu Gemüte führen. - Die Chance der Pfarrgemeinden liegt darin, Raum für Beziehungen und Solidarisierungen zu schaffen – gegen Vereinzelungen, die identitätsfeindlich sind. Um der einzelnen Menschen willen sollen und können Gemeinden einen Rahmen bilden, in dem erkannt wird, wo Solidarität nötig ist und auch durchgestanden werden kann. Abhängigkeit und Bezogenheit sind menschliche Grundkonstanten. Fürsorge nehmen und geben können sind dafür unerlässliche Fähigkeiten.
Ein Traum von Pfarrgemeinde: Lebens- und Glaubensräume – geteilt von Menschen, die Persönlichkeit entwickeln und sich in Freiheit für eine Glaubenspraxis entscheiden.